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Manfred Aulbach
14.05.04
Genauere Klärung der vielen Jahre
Aufgrund meiner neuen Aufarbeitung habe ich es endlich geschafft in den Abgrund zu steigen, und mich der unseligen, verwunschenen Vergangenheit von 1970 zu stellen. Darüber gibt es gottseidank ziemlich genaue Aufzeichnungen, an die ich mich seit Jahrzehnten nie herangetraute. Sie waren einfach zu peinlich und unerträglich. Ein Gebiet mit hochdüsterer Brisanz. Das Herz der Finsternis meiner Lebensgeschichte. Der Höhepunkt einer ‘Eifersuchtsparanoia’.
Bei genauerer Darstellung erschienen mir meine damaligen paranoiden Vorstellungen gar nicht mehr so absurd sondern irgendwie plausibel. So dass ich kurzerhand wiederum in die alten Zweifel mitsamt dem alten Symptom (‚innere Verkrampfung’) hineingeriet - mit all den Spannungen.
Nur diesmal, fast 35 Jahre später, konnte ich die Angelegenheit zur freien Diskussion stellen – gewürzt mit allerlei sonstigen Erfahrungen als Background. Mein erster Diskussionspartner war Tobi, mit dem ich mich öfters zu philosophischen Gesprächen treffe (wir lebten 1975/76 zusammen in einer studentischen Wohngemeinschaft). Und dann meine Frau Barbara, mit der ich genauestens, anlässlich eines rustikalen Essens in Leihgestern, dieses Gespräch mit Tobi bzgl. der Weibergeschichten im einzelnen durchging.
Dabei ergab sich beispielsweise folgendes: Barbara brachte den Begriff der ‚Grauzone’ in die Diskussion, womit der Bereich der Unklarheit bzgl. Fremdgehen oder Nicht-Fremdgehen Annemaries eine gewisse Abgrenzung erfuhr. Ich brachte den Begriff “von der anderen Seite” in das Gespräch – womit gemeint war, dass ich ja selber mit fremdgängerischen Frauen („von der anderen Seite her“) sexuell und sonst wie involviert war. Tobi brachte die Idee der ‚Self-fulfilling-prophesy’ rein, wonach eine Frau aufgrund von Eifersuchtsvorwürfen (die von männlichen Wunschvorstellungen bzgl. eigenem Fremdgehen genährt werden) dermaßen frustriert ist, das sie das dann tatsächlich fabriziert, was ihr vorgeworfen wird. Das waren natürlich nur alles erste Ansätze unter vielen. Aber es soll andeuten, dass hier für mich zum ersten Mal eine relevante und vor allem präzise Diskussion bzgl. dieser Eifersuchtsfrage möglich war.
Barbara kam schließlich zu folgender Meinung: Wenn eine Frau ihr Wesen darin sieht, attraktiv auf Männer zu wirken, so wird sie eben naturgedrungen in einer Konfliktsituation mit einem Mann, auf diese ihre Stärke zurückgreifen und in dieser ihrer Stärke Rückhalt suchen. D.h. sie wird ihre Bestätigung darin weiterhin suchen - eben mit anderen Männern. Sie wird (wie üblicherweise) die Männer herausfordern – und dann (wie üblicherweise) abbremsen – aber die Bremsen funktionieren im Konfliktfall nicht mehr so, wie wenn sie sich mit ihrem Mann eins fühlt. Somit eröffnen sich mehr Möglichkeiten, die mehr oder minder gewaltsam (wenn ein anderer Mann partout will), und vor allem durch verstärkte Bestätigungssuche der Frau sich eröffnen. Für Barbara ist es demgemäß durchaus denkbar, dass sich während unseres Konfliktes irgendwas Heimliches bei Annemarie abgespielt haben könnte. Wenn auch nicht auf dieser primitiv pornografischen Ebene, die ich assoziierte, sondern komplizierter – und vor allem durch mich selber, durch meinen Konflikt mit Annemarie, induziert.
Wie gesagt: durchaus denkbar dass sie heimlich fremdging, d.h. nicht direkt unwahrscheinlich. Aber was wirklich der Fall war, ist nach wie vor ungewiss. Fakt ist, dass ich mein Vertrauen verloren hatte und dass wir seitdem heftige Konflikte hatten. Fakt ist auch, dass sie eine gewisse sexuell-provokative Haltung bzgl. ‚interessanten’ Männern hatte. Fakt ist, dass sie lieben konnte und mich liebte. Sie war also eine ‚Femme Fatale’. Und wenn man das Vertrauen zur ihr verloren hatte, traute man ihr alles sexuell vertrauensbrüchige zu. Möglicherweise - in großen Teilen zumindest - zu Unrecht.
Aber so eine Frau kann unschuldig, aber dennoch durch gierige Männer (ich selber einer davon „auf der anderen Seite“) in die Schuld getrieben sein. Was heißt überhaupt ‚Schuld’? Es ist das Problem der gesellschaftlichen Ungleichgewichtigkeit, das uns gar zu oft ins Verhängnis treibt. Uns auseinander, auf falsche Weise zueinander und vor allem gegeneinander treibt – und uns schließlich unglücklich macht.
Meine neueste Theorie ist die: alle psychisch-sozialen Probleme entstehen aufgrund gesellschaftlicher Ungleichgewichtigkeit. Bei der Mann-Frau Frage ist es das Ungleichgewicht zwischen attraktiven Frauen (d.h. pretty women, besonders gestylt) zwischen 13 und 33 und der gewaltig größeren Zahl von Männern, die sich dafür interessieren (und die potentiell im Interessebereich dieser Frauen liegen zwischen 18 und 78). Hinzu kommt noch, dass sich diese Frauen künstlich rar machen, um sich als besonders wertvoll zu bewirken. Eine pretty woman derart gestylt und tatsächlich attraktiv, so etwa um 20 Jahre alt, bewegt sich ständig durch ein Spalier von Millionen von potentiell aufgerichteten Männerschwänzen Das kann normalerweise (statistisch gesehen) umgekehrt ein Mann, selbst wenn er gut aussieht, nie von sich sagen, dass Millionen Frauen mit ihm schlafen möchten, auch wenn es gewisse seltene Ausnahmen (z.B. Mick Jagger oder begehrte Provinzweiberhelden) gibt. Das ist also meiner Ansicht nach ein definitives gesellschaftliches Ungleichgewicht. Man kann dagegen halten, hier gibt es unterschiedliche Wertvorstellungen. Ein Mann, der gut aussieht und eine gute wirtschaftliche Position hat, wird ebenfalls Millionen gierige Frauen finden. Aber auch hier ist das Ungleichgewicht: denn wie viele Männer unter tausend von ihnen erfüllen diese Wertvorstellung? Außerdem machen die sich nicht künstlich rar. Die sind einfach so. Und sie sollen sich bemühen, wenn sie eine dieser raren Frauen suchen.
Hier merkt man, wie die zivilisatorische Ungleichgewichtigkeit in die tiefsten Tiefen des menschlichen Daseins eingreift. Sie erzeugt unterschiedliche Haltungen und Wahrnehmungsweisen, verfestigt sie zu unveränderlichen Konstanten der Selbstvergewisserung. Und gleichzeitig ist alles irgendwie falsch und unhaltbar.
Wenn Tobi sagt, wir (die Studentenbewegung) mussten diese vergangene Militaristen-Scheiße überwinden, indem wir durch ein Tal der Tränen gingen, so hat er meiner Ansicht nach sicherlich recht. Aber einerseits ist mir klar – der Käs ist noch nicht gegessen. Es gibt ständig irgendwelche „Beziehungsdramen“ und die offizielle juristisch-spießbürgerliche Gesellschaft denkt nicht im Traum daran, dass das irgendwas mir ihr selber zu tun hat. Dies nur als Beispiel für die allgemeine politische Armseligkeit. Andererseits gibt es das völlig neue Phänomen, dass man sich frei und unbefangen über alles unterhalten kann, wenn man nur will – und wenn man fähig und gebildet dazu ist.
Exakt dies erfüllt sich nun mit mir und Barbara.
Hier ist nun am Ende die Märchengeschichte (z.B. von C.G. Jung: Prinzessin auf dem Baum) erfüllt. – Ganz real – behaupte ich mal dreist und unverfroren. „Und sie zogen los zu ihrem eigenen Königreich“. Das ist allerdings noch nicht erfüllt. Aber alles Davorliegende. Das eigene Königreich ist nur teilweise, ansatzweise erfüllt. Rein ‚Privat’.
Aber sie konnten über alles reden. Das hab ich immer als das Wesen der Erfüllung des Märchenprinzips angesehen. Und in der Tat, wir können das – in großen Zügen wenigstens. Wir können wirklich miteinander reden! Was für ein Triumph des Geistes über die Materie!
Wir können zueinander kommen, uns die Hand reichen – über Porno und soziale Barrieren hinweg. Über all das stehen wir gemeinsam schrankenlos drüber ohne uns irgendwie zu verkrampfen. Alle Geschichte unserer Familien ist uns weitgehend vertraut – wir stehen gemeinsam darüber – mit großem Wohlwollen und kritischem Verständnis. Die Geschichte unseres Landes ist uns gut bekannt. Wir sehen es als Ur-Verbrechen an Deutschland an, dass nicht an den schönen Bauten beispielsweise von Marburg um 1900 deutschlandweit weitergearbeitet wurde und stattdessen die Energie auf Kriege gelenkt wurde. Daß ein unsäglicher Depp 30 Jahre später viele Millionen Menschen Europas im Namen Deutschlands zu Tode führte darunter unsere jüdischen Freunde und Familien. Daß damit der Name ‚Deutschland’ unfassbar verdreckt wurde. All das wissen wir. Und wir wissen es sehr genau.
Wir wollen raus aus diesem Dreck. Aber jedes Mal wenn wir raus wollen versinken wir in einem Sumpf. Seien es Geheimdienste oder eine unfreie Presse, die alles erstickt. Das Ganze im Namen der Demokratie und der Freiheit. Die allgemeine Juristerei nimmt uns die Luft zum freien Atmen. Sie ist der Ausdruck des Spießbürgertums, das sich mit der sog. ‚Wirtschaft’ zu einer unheiligen Allianz gegen das Leben verbündet hat. Die freie Intelligenz das Landes wird systematisch ignoriert und kastriert statt sie zu integrieren. Auf (Außenminister) Fischer ist man mittlerweile stolz, aber es gibt hunderttausende dieser Fischers! Genauso wie es ihn früher einmal gab ohne ihn zu ‚erkennen’ geschweige jemand versucht hat ihn zu erkennen. Es gibt viele viele andere Fischers als nur diesen speziellen Fischer. Das muß man sehen. Aber die Leute die das Land in der Hand haben wollen nur diesen einen Fischer – nicht alle Fischer. – und damit ist das Land von seiner freien Intelligenz entblößt. Und darauf bilden sich die Deppen, die den Namen Deutschland wieder einmal vertreten, gehörig was ein. Seit etlichen Jahren geht es unabänderlich abwärts mit Deutschland. Denn ohne Intelligenz ist ein Land nichts. Nur eine Menge von Pappnasen.
Wenn das ein Manifest sein soll, so ist das alles Quatsch. Denn in meiner ‚Paradoxie’ habe ich klar abgeleitet, dass es bestenfalls Stufen der Entwicklung gibt. Insofern ist dieser eine Fischer der Brandt unserer Zeit. Und man soll dankbar dafür sein.
So, dann ist der Ritt ins ‚eigene Königreich’ nur ein Ritt in die Privaterie?
Ja so ist es. Aber in dieser Privaterie gibt es öffentliche Räume des Handelns und des Gesprächs – die sich ausweiten. Zaghaft aber – vermutlich – penetrant.
Bis die nächste, die zweite Stufe, erreicht ist, diejenige, die zögernd den Übergang in die dritte Stufe bewerkstelligt (in ein paar Hundert Jahren) – diejenige, wo ich endlich ich selber wäre. Obenauf und für alles Gute sorgen könnend. Gemeinsam mit einer unglaublichen Menge von geistig lebendigen Freunden. Dagegen sollte man mal heute die Spießbürgerblüten, z.B. den Stadtrat R., halten!
In diesen kuriosen Zeiten muß man sich auf das Allerwesentlichste konzentrieren.
Ist nur schade, dass man inzwischen sein schönes Leben verliert.
Wir tun also in unserem Privatleben so, als ob das Wahre schon sich verwirklicht. Wir können das auch, soweit nicht äußere Schranken uns hindern. Da wundern sich etliche Leute drüber. Wenn sie einen Hauch davon selber verwirklichen wollen stoßen sie an Schranken, die sie gar nicht vermutet hätten. Da sind sie irgendwie perplex.
Oder sie wundern sich, wenn sie die Schranken überwinden, welch ein neues Reich sich auftut.
Wenn sie es können, dann gibt es einen Aufbruch in eine nächste Stufe. Aber was wissen sie darüber?
Was weiß ich darüber?
Es geht erst mal darüber, dass man privat was besser weiß und auch Politik-Kritik äußert.
Ansonsten geht’s darum, wie man sein Leben privat weiterhin gestaltet – und das möglichst optimal. Allein schon diese Tatsache ist verdammt viel wert – behaupte ich mal. Hier, in dieser privaten Optimalität, wird der Grundstein gelegt für weitere Zukunft, egal welche Stufen es gibt, und warum es die gibt, und wann sich endlich das wahre Leben öffentlich entfalten kann. Und das ist ja wohl auch logisch so. Denn: „Es gibt nix Gutes, außer man tut es“ (Kästner).
In other words: Solange das Gute keine private Basis hat, kann es auch nicht öffentlich werden.
Es spielt sich z.Zt. in Deutschland (vermutlich auch in anderen Ländern) eine ansatzweise psycho-soziale zivilisatorische Erneuerung ab, die an der offiziellen Wahrnehmung (durch die Spießbürger und ihre Presse) vorbeischreitet. Dabei geht es um was Humanistisch-Positives: nämlich besserer Umgang miteinander, bessere Kindererziehung. Besseres Leben. Frieden unter den Menschen.
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