Freche Huren

 

16.06.04

 

Freche Huren

 

Ich habe es nie geschafft, diesen Bruch zwischen ‚davor’ und ‚danach’ auf die Reihe zu kriegen bei Ildiko. Nach dem Motto vom zynischen Fritz in Hamburg: „Erst Schmeichelkätzchen, doch dann entpuppen sie sich!“ Für mich war Ildiko in zwei gänzlich verschiedene Personen eingeteilt mit dem gleichen Namen und einer gewissen formellen Ähnlichkeit nach wie vor: die Ildiko der ursprünglichen großen Liebe (sie erinnerte mich damals an ein Gemälde von El Greco von der Jungfrau Maria) – und dann später diese Entfremdung bis hin zur kalten Ablehnung meiner Person und schließlich der einseitigen Beeinflussung unserer Tochter Amelie gegen mich (PAS-Syndrom). Ein analoges Phänomen der Zweiteilung hab ich mit Regina erlebt, von der ich seit etlichen Jahren verschiedentlich ziemlich bösartig unterstellende Telefonanrufe erhielt, wobei ich zunächst tolerant reagierte, weil sie soviel Pluspunkte aus unserer damaligen Zeit hatte, als wir zusammenwaren (vor Ildiko), und sie das liebe reine treue Mädchen schlechthin war. Vor kurzem habe ich ihr dann in einem ausführlichen Brief geschrieben, warum ich mit ihr - dem zweiten Teil ihres Wesens -  nichts mehr zu tun haben will. Es war einfach zu unverschämt und grotesk, was sie da wieder einmal im Suff von sich gab (z.B. wir, meine Frau und ich, hätten meine Mutter umgebracht).

 

Ich glaube, ich habe jetzt endlich eine Erklärung für diesen Sonderfall der ‚multiplen Persönlichkeit’. Es ist das Prinzip der ‚frechen Hure’. Damit meine ich die Aufblähung des Egos bei Frauen, wenn sie ihre Macht austesten, daß tausende von Männern auf sie als junge, geile Schönheit abfahren. Sie suchen sich dann möglichst irgendwelche Alpha-Tiere oder wenigstens Exoten (gerne z.B. Neger oder Araber, Südamerikaner, Türken, Griechen usw.) aus diesem Pool aus. Das gibt ihnen Stärke und Selbstgewissheit über die Maßen. Entsprechend fangen sie an, solche Fools wie mich (mit denen sie früher einmal ein Herz und eine Seele waren bzw. ein Herz und eine Seele sein könnten) zu verachten. Das ist ein eigenartiges Phänomen. Es muß wohl mit Identifikation mit bestimmten coolen Menschentypen (Männertypen, aber auch Frauentypen) in der bürgerlichen Gesellschaft zu tun haben. Genau das ist also offenbar der eigentliche ‚Twist’, diese Umschaltung in eine völlig andere Identität, was mir psychisch so völlig unverständlich war.

 

Nun lassen sich dieser neuen Sichtweise schlagartig eine Menge Tatsachen zuordnen, die vorher lediglich eine in meinem Gedächtnis irgendwie bedeutsame singuläre Existenz fristeten.

 

-        Als Ildiko endlich in Indien ankam (Anfang 1970) ein eigenartig blasses Gesicht und ihre schnippische Bemerkung, als ich ihr erzählte, wie mir die Sache mit dem Araber zusetzte (sie schrieb mir darüber – ich zerriß den Brief an einem wunderschönen Weiher in Goa). Ihre schnippische Bemerkung war: sie könne ja auch wieder zurückfliegen.

-        Reginas Verhalten in ihrem revolutionären Roten Laden in Kreuzberg 1969, als sie einen der Teilnehmer der revolutionären Gruppenbesprechung,  einen Franzosen, kurz vorm Weggehen, beorderte: „Franzos, Du bleibst hier“, weil sie mit ihm schlafen wollte. Der schöne Franzos blieb dann auch prompt da.

-        Reginas Verhältnis mit einem US Wachposten in Berlin, einem Farbigen – als sozusagen revolutionäre Tat (1968).

-        Die zwei Huren im Billig-Hotel in Bombay am Kai (Ende 1970), die dort oben in dieser Dachetage mit den vielen hölzernen Zwischenwänden, vorne ihr Zimmer hatten (ich wohnte hinten), waren äußerst arrogant mir gegenüber – einfach so, ich wollte gar nichts von ihnen. Doch als dann die reiche Anju (ihr Mann schlief vorne gemeinsam mit ihr in einem Zimmer - lediglich wegen mir) sich auf mich einließ (sie schlich sich zu mir), gab das kurioserweise einen kleinen Aufstand in dem Billig-Hotel. Seitdem guckten mich diese Huren völlig anders an. Irgendwie erstaunt.

-        Die diversen ‚femme fatales’[1] denen ich im Laufe meines sexuell interessierten Lebens begegnete. Z.B. die eigenartige Arroganz, Frechheit, psychische Kastrationslust (und zwischendurch Weichheit) von Katharina 1961 in Heidenheim, die mir ungeniert von ihren tollen Männern vorschwärmte, insbesondere einem Boxer aus Berlin, dem jede Menge Frauen nachliefen.

-        Reginas Kälte mir gegenüber in Moabit (Prozeß gegen Fritz Teufel Ende 1967), als sie im gleichen schwarzen sexy Outfit wie ihre neue blonde Freundin (sie war die Geliebte von Peter Schneider, über dessen Unglück mit ihr er später das Buch ‚Lenz’ schrieb) mir dort begegnete. Da war ich sozusagen der ‚Tölpel’, der nicht revolutionär genug war, der nicht zu den eigentlichen Leuten gehörte. Regina hatte damals ein Verhältnis zu Vesper (bekannt durch das spätere Buch „Die Reise“, 1970, bevor er, der Clevere, Smarte und Hochintelligente, Selbstmord beging), der Ehemann von Gudrun Enßlin. Dieses Arroganz-Erlebnis mit Regina bewegte mich übrigens damals zu einem Gedicht xxx.

-        Die eigenartige 1.Mai-Demonstration 1969 in Berlin, wo ein emanzipierter revolutionärer Frauenblock nicht duldete, daß dort Männer (wie ich) mitmarschierten. Aber einige Weiber hatten doch ihre südamerikanischen Liebhaber neben sich. Diese Männer also durften (ja sollten demonstrativ) in dem Weiberblock mitmarschieren.

-        Ildikos Vorführung ihres Schmuckes, als ich als getretener Hund unsere Tochter Amelie (ca. 1975) in Göttingen alle paar Monate wochenendmäßig besuchen durfte. Sie hatte einen ihrer wenigen jovialen Anfälle mir gegenüber und demonstrierte sich als eine Art geschmückte Zigeunerin, die ihren sexy Body, nebst entsprechendem Kleid mit ihrem Schmuck, vor mir selbstgefällig nach und nach zusammenstellte. Ich schüttelte innerlich den Kopf und dachte bei mir (Fallada-mäßig): wie tief ist sie gesunken!

-        Die drei hübschen jungen Neuseeländerinnen in Fetiye (Türkei) 1993. Ich fand sie nett und außerdem attraktiv. Meine Frau Andrea und ich gingen zusammen mit ihnen und unseren beiden türkischen Bekannten, Hilmi und Raman, in eine Bar. Dort unterhielt ich mich ein bißchen mit einer der drei attraktiven Weltreise-Frauen am Tresen. Hinter dem Tresen war der junge Chef. Plötzlich sah meine Gesprächspartnerin die Gelegenheit als günstig an, um mit ihm in Kontakt zu kommen. Mitten im Satz ließ sie mich stehen und beachtete mich nur noch als nichtexistent. Eine andere der drei Frauen verschwand mit Hilmi in dessen Hotelzimmer, das er sich mit Raman teilte. Hilmi kam dann nach einiger Zeit zurück und hatte nur Verachtung für die „Schlampe“ übrig.

-        1976 war ich mit meinem Freund Helmut in Sougia im Süden von Kreta. Damals noch ein sehr winziger Ort mit einem kleinen Hafen und im Sommer etlichen Rucksackreisenden, die teilweise am Strand, in Felsgrotten am Meer oder in Höhlen in den Felsen wohnten. Es gab auch ein paar Pensionen und zwei Restaurants. Helmut lieh sich gerne mal eine Gitarre aus, um seine damaligen Lieblingslieder von Leonard Cohen, Cat Stevens, insbesondere aber Udo Lindenberg zu spielen und die Texte dazu zu singen. Er war ein gutaussehender großer Mann, sehr intelligent, sehr sportlich und ‚gut drauf’. Irgendwann einmal kamen Spätnachmittags zwei Neuankömmlinge an, die mich ansprachen und mit denen zusammen ich in dem oberen Restaurant etwas aß und mich mit ihnen unterhielt. Sie sahen beide sehr schön und edel aus, fast wie Engel: es war der junge Schweizer Paolo und seine italienische Freundin Rebecca. Sie waren jedes Jahr in einem abgelegenen griechischen Dorf mit sehr gastfreundlichen Menschen,  hatten aber nun einmal Sehnsucht nach einem mehr ‚touristischen’ Ort. Sie hatten ihr Zelt am Strand unter der langen Baumreihe aufgeschlagen. Rebecca hatte einen interessierten Blick auf mich, was ich aber abwehrte, da ich ja eine so edle Beziehung niemals – auch nicht in Gedanken – antasten würde. Am nächsten Morgen trafen wir uns wieder oben am Restaurant zum Frühstücken und Helmut saß in der Nähe auf einer Bank und spielte mit einer Gitarre seinen Udo Lindenberg. Spätestens an der Stelle des Liedes Bodo Ballermann „als Damen seinen Samen nahmen“ wußte Rebecca Bescheid und wollte meinen Freund näher kennenlernen, indem wir uns zu ihm auf die Bank setzten. Bald waren sie ins Gespräch vertieft und mehrmals berührte sie ihn dabei an seinen nackten braunen muskulösen Schenkeln, denn er saß da in seinen kurzen  blauen Turnhosen aus dem sein massives Geschlechtsteil ein kleines Stück weit innerhalb der Sport-Hose unterhalb der Gitarre herausragte. Kurz und Gut, sie begann ein Techtelmechtel mit ihm in dessen Verlauf auch noch Ildiko mit Amelie auftauchte[2], die Rebecca kennenlernte und diese in ihrem Freiheitsdrang und ihrer „Emanzipation“ von Paolo ideologisch bestärkte. Paolo machte seiner Freundin Rebecca daraufhin nachts im Zelt heftige Vorwürfe und beschimpfte sie als „Hure“, was ihn in ihren Augen als Schwein outete. Später versuchte ich Paolo klarzumachen, dass mir die Sache persönlich sehr leid für ihn täte, daß ich das nicht als in Ordnung ansah. Paolo war Sohn einer reichen schweizer Bankiersfamilie, die eine italienische Familie als Gärtner beschäftigte, deren Tochter Rebecca war. Es war eine Liebesgeschichte schon als Jugendliche, von der Paolos Eltern nicht sonderlich begeistert waren. Helmut, dem ich mein Missfallen an der Sache kundgab, hatte immer die Vorstellung, daß ich lediglich neidisch war, weil ich selber an Rebecca interessiert sei. Im übrigen sei seine Haltung völlig gerechtfertigt, denn wenn sich eine Frau aus einer Beziehung ausklinken will, sei sowieso was nicht in Ordnung an der Beziehung. - Schlußendlich war das engelshafte Aussehen sowohl aus Rebeccas als auch aus Paolos Gesicht mittlerweile verschwunden. Sein Gesichtsausdruck war düster und nachdenklich, irgendwie gehetzt geworden, ihr Gesichtsausdruck dreist und überlegen lächelnd, glubschäugig, geworden. Das schöne innere, reine Strahlen der beiden war weg.

 

Das alles sind nur prägnante Beispiele, die ihre Ergänzung finden durch weniger prägnante Ereignisse, die komplizierter, vielleicht auch widersprüchlicher und jedenfalls schwerer zu durchschauen sind, aber letztlich in die gleiche Kerbe hauen.

 

Die Sexual-Religion birgt also in sich – wahrscheinlichkeitsmäßig – einen spezifischen Verhaltens-Generator: sobald Weiber merken, was sie sexuell wert sind (oder was sie versäumt haben vorher zu merken) und diesen Wert dann auch ‚ausnutzen’ wollen, entsteht eine neue Identität. Sie verlieren sozusagen ihre Unschuld. Das natürliche narzißtische Bedürfnis nach Selbstbestätigung (sprich Glück), treibt sie dazu, ihre matriarchale Macht auszutesten. Dabei geraten sie logischerweise an die der matriarchalen Macht angemessenen patriarchalen Männer (sozusagen die ausnahmsweise ‚gelungenen’ Produkte der matriarchalen Mütter). Diejenigen Männer, die diesem Schema nicht entsprechen, sind infolgedessen mehr oder minder allesamt Trottel. Aus diesem Pool der ‚gelungenen’  patriarchalen Männer suchen sie sich dann (soweit diese Weiber noch ‘attraktiv’ sind) irgendwelche zwecks Promiskuität und schließlich einen ‚besonderen’ zur Sicherheit ihres weiteren Lebens aus. Immerhin besteht aber mittlerweile eine ca. 50%ige Wahrscheinlichkeit, dass solch ein Ehe scheitert. Denn die eine Seite ist die Verhurung der Frau, die andere Seite ist die Suche nach Sicherheit –  gepaart mit den Männern, die fremd gehen wollen. Offenbar eine ziemlich instabile Angelegenheit.

 

Verhurung und Suche nach Sicherheit ist oft gleichermaßen –  in den gleichen Frauen existent. Die Frage ist nur, ob und wie sich das vereinbaren läßt. Da gibt es ziemlich interessante unterminierende Eigentümlichkeiten bzgl. dieser Widersprüchlichkeit. Zum Beispiel

 

-        war Regina, die ja vom treuen unschuldigen Mädchen zum zwischenzeitlichen Männervamp mutierte, später verheiratet mit einem bedeutungsvoll ausschauenden pfeiferauchenden Verwaltungsbeamten beim Bauamt. Sie lebten eine Zeitlang in Eintracht. Es gibt noch ein Foto mit Pit Konsul, seine Freundin Silvia, Regina und ihrem Verwaltungs-Mann in Berghausen im Garten als wir - Pit, Silvia und ich - zufällig dort vorbeikamen und sie besuchten, da raucht der Ehemann idyllisch seine Pfeife, Regina serviert Kaffee und Kuchen. Später erzählte sie (es gab immer mal wieder eigenartige Zusammenkünfte mit Regina) von irgendwelchen grauenhaften Auseinandersetzungen mit ihrem Ehemann. Und schließlich dann Trennung.

-        War Ildiko unter anderen mit einem künstlerischen Menschen fest zusammen, einem Architekten, und sie machten sich ein schönes Heim in einer Villa in Göttingen zurecht für die Zukunft. Da er aber in Dänemark während seiner Auftragsgeschichten als Architekt einer großen Baufirma eine andere junge 17-jährige Geliebte hatte und er die beiden Weibergeschichten nicht gleichzeitig auf die Reihe kriegen konnte, beging er Selbstmord, was Ildiko in eine tiefe Krise stürzte (irgendwann in den 80er Jahren). Das erzählte mir unsere Tochter Amelie während eines Besuchs Ende der 90er Jahre.

-        War Ildiko in einer neuen festen Beziehung (Ende der 80er Jahre und ein paar Jahre danach), diesmal betont bürgerlich und solid, mit einem biederen Familientherapeuten zusammen (sie selbst war ebenfalls Psychologin), sogar mit gemeinsamem Hauskauf  (bei mehreren Besuchen bei Amelie habe ich die beiden zusammen erlebt, wenn auch nur kurz) und schließlich gemeinsamem Kind. Doch stellte sich in der Folge heraus, dass der solide Familientherapeut die ganze Zeit ein weiteres Verhältnis hatte, mit einer Frau, von der er ebenfalls heimlich ein Kind hatte, das Spielgefährte ihres gemeinsamen Kindes war. Nach Aufdeckung dieser unseriösen Geschichte – Trennung und Auszug aus dem gemeinsamen Haus. Auch das erzählte mir Amelie Ende der 90er Jahre.

 

Da fällt mir noch eine andere Geschichte ein. Ebenfalls eine ‚Singularität’, die vielleicht jetzt ihren Ort findet. In Uddevalla tauchte Ende 1971 plötzlich aus der Versenkung dieser Kleinstadt ein gutaussehender, vielleicht 35jähriger Kroate bei der einen der beiden deutschen Kolleginnen von Ildiko, nämlich der Sado-Maso-Peitschen-Anna auf. Er hatte einen hübschen Kopf, dem allerdings ein Ohr fehlte, aber sah trotzdem adrett aus mit Anzug und Krawatte, was ihm was Bedeutungsvolles verlieh. Flugs erzählte er auch allerlei Geschichten vom Aufbau einer Drogenberatungsstelle, an der er maßgeblich beteiligt sei und wie sehr er in die Uddevallaer offizielle Szene verstrickt sei. So weit so gut. Irgendwann tauchte er bei uns in der Wohnung auf und legte ausdrucksvolle, extrem großformatige Fotos von Eisbrechern im dicken Packeis im Fjärd von Uddevalla vor. Damit hat er Ildiko offenbar beeindrucken wollen, was ihm auch gelang, zumal er ihr ein paar von diesen Fotos schenkte. Er verhandelte selbstverständlich offiziell mit uns beiden gemeinsam – bei Wein und Kerzenschein und Musik. Dabei offerierte er folgendes Angebot, es war Spätherbst: Er hätte gute Freunde, die hätten eine ganz tolle Hütte irgendwo draußen in der Wildnis. Dort könnte er jederzeit hin und auch seine Freunde einladen. Mit anderen Worten: Wir sollten mit ihm zusammen dort ein paar Tage verbringen. Es schien mir klar, worauf das rauslief, er wollte mit Ildiko vögeln und ich sollte so blöd sein, dabei ruhig meinen Grog in der Hütte zu saufen und mich um das Kind zu kümmern. Ildiko fand offenbar nix gegen diesen famosen Gedanken, der sie ehrte und bauchpinselte, einzuwenden, zumal ja nix Direktes gesagt war. Dem schob ich einen Riegel vor, indem ich vorschlug, daß das doch ganz toll wäre, wenn seine Frau und seine Familie dort ebenfalls mit von der Party wären. – Damit war das Thema schlagartig beendet. Mein Vorschlag war gewissermaßen ein faux pas. Ich war sozusagen Spielverderber. Am nächsten Tag traf ich ihn zufällig in der Stadt vor dem Kaufhaus gewichtig ins Gespräch mit einem älteren seriösen Herrn vertieft. Als ich ihn grüßte, drehte er sich kurz um und frug mich „geht es dir gut?“ – so etwa wie wenn er klar stellen wollte, daß ich nicht ganz dicht sei. – Die Geschichte ist noch nicht ganz beendet. Es gibt zwei Pointen. Als Ildiko, unser Kind Amelie und ich im Sommer 1972 an einer Badestelle für das einfache Volk am Fjärd waren, es war richtig warm und voller Leute, da kam auch jener Kroate mit seiner Frau und drei Kindern vor uns vorbeigestiefelt. Wir grüßten ihn, doch er ‚übersah’ uns. Das hat Ildiko überrascht. Mir war es selbstverständlich: Vor seiner Frau durfte er nicht zugeben, dass er uns kannte, er hätte ja irgendeine Erklärung abgeben müssen woher. Die nächste Pointe ergab sich kurz vor meinem heimlichen Abhauen aus Uddevalla im August 1972. Wir waren mit dem Neger Ruguru aus Afrika, mit dem ich mich mittlerweile gut befreundet hatte, in seinem alten VW-Käfer eines Sonntags unterwegs zu einer Landpartie: also er, ich, Ildiko und unser Kind. Am Ortsausgang von Uddevalla, es war ein herrlicher schwedischer Sonntag, wollten wir noch tanken. Zur grenzenlosen Überraschung von Ruguru und mir war dort jener hochbedeutsame kroatische Anzugsmensch dabei, die Autos von irgendwelchen Kunden der Tankstelle zu waschen. Der tat allerdings so, als wär alles völlig selbstverständlich. Es war eine offenkundige Diskrepanz zwischen seinem großen Getue und seiner sonntäglichen Gelegenheitsarbeit. Als Ruguru und ich uns anschließend hohnlachend die Mäuler darüber zerrissen, tat Ildiko so als sei überhaupt nix dabei. Sie hatte den Kroaten offenbar in ihr immer größer werdendes Herz geschlossen.

 

Für dieses sich allmählich ausweitende Hurenherz Ildikos gibt es noch weitere ‚Singularitäten’ meiner Erinnerung.

 

Als ich Ende 1972 Amelie und Ildiko in Göttingen besuchte - sie wollte, dass ich mich auch nach unserer Trennung um meine Tochter kümmere - wohnte sie ziemlich zentral, im Erdgeschoss eines Hauses, das später abgerissen wurde. Da gibt es eine Fotografie in meinem Gedächtnis, wo sie im Eingang des Hauses steht und ein Freak, gleichsam selbstverständlich, den Arm besitzergreifend um sie legt, wie um mir zu demonstrieren, wie frei nunmehr Ildiko sei: vermutlich hatte er schon mindestens einmal mit ihr gevögelt. Offiziell zusammen war sie aber mit Klaus, einem gewichtigen Doktoranden der Philosophie, das gleiche Fach, das ich nun selber im ersten Semester studierte. Offenkundig hatte sie ihn kennengelernt bei der Gruppentherapie, die mir ‚Mutterbindung’ vorwarf und Ildiko von mir endgültig loseisen wollte. Vermutlich war er dort so was wie ein Alpha-Tier, das sich die schöne Ildiko mit klugen gewichtigen Worten unter den Nagel riß. Ich verwickelte mich in eine ausgiebige Diskussion mit Klaus über Eifersucht und Psychoanalyse, der ich damals mittlerweile kritisch gegenüberstand (ich verwies auf Habermas[3]). Da er ja nun nicht eifersüchtig sein durfte, und keine ‚Mutterbindung’ an Ildiko hatte, musste er das Feld räumen und für eine Nacht die Ildiko an mich freigeben. Sie hatte wohl so die Vorstellung mit uns beiden. Sie zelebrierte dann ihren üblichen spannungsgeladenen Vorspann, wo sie sich betont ruhig das Gesicht mit Watte und Alkohol säuberte, lange Zeit brauchte, bis sie endlich ins Bett kam. Was mich überraschte, dass sie aus dem Futtloch blutete, nämlich weil Klaus ihr beim Ficken irgendwelche Verwundungen mit seinem großen Schwanz beibrachte. Das war aber für sie nicht so wichtig, als dass sie neben der unweigerlichen Darbietung des Sachverhaltes mehr dazu sagte, als dass ich nicht so heftig sein solle. Sie hatte halt irgendwelche Schmerzen als ich sie fickte, die sie wegzudrängen suchte. Das war also das letzte Mal, wo ich mit Ildiko schlief. – Mein anschließender schriftlicher Einwand per Brief an Ildiko, der Klaus sei doch kein richtiger Freund, wurde mir natürlich übelgenommen und seitdem war ich persona non grata, der im Grunde widerwilligerweise der Besuch bei Amelie alle paar Monate gewährt wurde.

 

 

Es gibt mittlerweile eine stattliche Menge Vampir-Filme. Und man muß sich fragen, was diese moderne Mythologie bedeutet und warum sie soviel Zulauf findet.

 

Mein Modell der ‚frechen Hure’ ist möglicherweise der Schlüssel zur Erklärung. Es geht ja bei allen Märchen um drei mal. So auch hier: der erste Vampirbiß, der zweite, und nach dem dritten ist sie selber Vampir. Gewöhnlich handelt es sich um eine liebreizende treue Frau, die jedoch den Versuchungen des Vampirs nicht widerstehen kann. Sie sieht in dem Vampir eine außerordentlich schöne Figur, oder jemand, der Erlösung braucht. Sie spürt sein Sehnen nach ihrer Reinheit und Vollkommenheit – und kann schließlich nicht anders als sich selbst zu sehnen und sich schließlich dem Vampirbiß zu ergeben. Sie wird sodann irgendwie bleich und fahrig - jedenfalls anders als vorher. Das Blut, das Leben ist schon ein Stück aus ihr gewichen. Sie fängt an zu lügen. Versucht noch eine Zeitlang alles zu verbergen, ihrem Manne treu zu sein. Sie sucht aber – fast gegen ihren Willen - nach Wegen, daß sich die Sache wiederholt. Der Vampir erst recht gleichermaßen. Der zweite Vampirbiß macht sie noch lebloser und unansehnlicher. Das eigentliche Leben ist fast schon aus ihr gewichen. Für den Vampir ist sie nur noch leichte Beute. Sie verrät ihren Mann jetzt schon ganz frech und sucht ungeniert nach der Nähe des Vampirs. Die dritte Stufe führt sie dann für immer in das Schattenreich der Spinnenweben, der Lichtlosigkeit, der Boshaftigkeit. Das Leben ist aus ihr gewichen und sie kann nun nicht mehr anders als selber das Leben auszusaugen und ihrem eigenen schattenhaften Schicksal entgegenzuführen.

 

So ungefähr sieht doch das archetypische Übel der vom Vampir heimgesuchten Frau aus. Natürlich fehlt in dieser Mythologie die Dialektik des wahren Lebens. Einseitig wird hier einem Vampir (also einem bösen Mann) die Schuld zugeschoben und das arme Opfer (die liebreizende Frau) kann sich kaum erwehren. Es zeichnet gute Vampirfilme gerade dadurch aus, daß auch die eigene Beteiligung, das eigene Interesse der Frau, wenigstens ansatzweise, gezeigt wird. Der Vampir fällt nicht vom Himmel oder kommt auch nicht aus der Hölle hochgefahren: aber mit irgendwas muß der Menschengeist anfangen, um sich über irgendein unbegriffenes Phänomen Ansätze von Klarheit zu verschaffen. Der Vampir und die Vampeuse sind eine dialektische Einheit. Ja, zum Unverständnis des eigentlichen Phänomens gehört es geradezu, daß eine Art Teufel, also ein Mann, die maßgebliche Figur ist. Dabei ist es in Wahrheit völlig umgekehrt. Das eigentliche Unheil ist das dumpfe Matriarchat, das solche manchmal bis zum ‚teuflischen’ kalt-fähigen, zumindest spießigen Männer, nämlich das Patriarchat samt den zugehörigen Weibern via Erziehung durch die entsprechenden hochmütigen und gleichzeitig von Unbewusstheit triefenden Mütter, erzeugt. Und des weiteren, dass aufgrund dieser Situation selbst die engelsgesichtigsten Frauen auch noch ganz andere als nur liebenswerte Eigenschaften entwickeln können, die nicht einfach nur durch Versuchung hervorgebracht werden, sondern durchaus durch eigene Aktivität.

 


[1] Vgl. dazu auch den Songtext von Velvet Underground (Nico): Femme Fatale

[2] Ich hatte Ildiko anlässlich eines Besuches von Amelie in Göttingen in einem Café von meinem geplanten Trip mit Helmut nach Sougia erzählt. Sie wollte ebenfalls diesen Sommer nach Kreta reisen.

[3] Das szientifische Selbstmissverständnis der Psychoanalyse (Erkenntnis und Interesse)

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