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24.10.10
Manisch-depressive Bipolarität
Ich habe darüber kürzlich mit Barbara zusammen einen Doku-Film gesehen. Mir kommt die Sache überhaupt nicht fremd vor, wenn man sie mal nüchtern betrachtet.
Insofern so was Ähnliches früher selber auf mich zugetroffen hat, möchte ich es folgendermaßen erklären bzw. beschreiben:
„Himmel hoch jauchzend“. Das ist eine Übertreibung und trifft meine Sache nicht richtig. Worum es für mich geht, das sind „positive poetische Gefühle“ (ppG), wie ich das in meiner Privatsprache benenne. Des weiteren, daß man sein Leben rund um die Ermöglichung der Herstellung jener ppG organisiert: Jede Menge Action ist angesagt, Dinge die einem anturnen: Lebenserfolge, abenteuerliche Reisen, intensive menschliche Begegnungen, besondere Erlebnisse, ergreifende Musik, generell Kunst, Literatur, Film, Theater, interessante neue Ideen. Das Ganze natürlich noch irgendwie miteinander verknüpft. Aus der gleichzeitigen oder auch nachherigen narzißtischen selbstreflektiven Wahrnehmung entsteht dann jenes intensive ppG.
„Zu Tode betrübt“. Es reicht schon, daß einem irgendwie die Traurigkeit, Verlorenheit, Einsamkeit, Ungenügsamkeit an dem Gegebenen anweht. Das kann sich allerdings steigern durch irgendwelche besonderen Versagungen und Kränkungen. Solch eine tief gefühlte (sozusagen genußvolle) Traurigkeit würde ich gerne „negative poetische Gefühle“ (npG) nennen.
Es gehört offenbar zur Eigenart des „Menschen mit poetischer Gefühlsfähigkeit“ (pG), daß er eine strikte Trennung zwischen diesen beiden Zuständen ppG und npG sieht: „natürlich“ ist das Eine was völlig anderes als das Andere! Denn es gibt für ihn ja kaum was Gegensätzlicheres in seinem Leben.
Es gibt mehrere Dinge, die der pG meiner Ansicht nach (wenn ich von mir ausgehe), nicht weiß:
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Daß es einen inneren Zusammenhang zwischen ppG und npG gibt. Man kann das ungefähr so ausdrücken: je mehr jemand ppG erlebt, desto mehr erlebt jemand npG. Oder anders ausgedrückt: wer das eine erleben kann, kann auch das andere erleben – und zwar im direkten Verhältnis zueinander. Wer es also zum Virtuosen im ppG bringt, darf sich – objektiv betrachtet - eigentlich nicht wundern, daß er entsprechend zutiefst traurig sein kann. Daß dieses ‚Kann’ in unserer Gesellschaft oft genug zum ‚Muß’ wird, insofern daß die Aufschwünge zum ppG (gesellschaftlich notwendigerweise) im persönlichen Lebensweg immer irrealer werden und entsprechend die Abschwünge umso drastischer, das scheint mir das eigentliche Wesen der vollendeten manisch-depressiven Bipolarität auszumachen: sie stellt somit eine gesellschaftliche ‚Krankheit’ des isolierten Individuums dar, das nicht den Schutz der bornierten Gemeinschaft sucht, um seine ppG darin halbwegs kontrolliert auszuleben (beispielsweise Karnevalsvereine, religiöse Gemeinschaften, Sportvereine usw.).
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Daß es deshalb geradezu eine ‚Endlosschleife’ geben kann zwischen der Sucht nach ppG und damit faktisch erreichtem npG. Wie bei allen Endlosschleifen im Psychischen ist eine echte Änderung nur möglich durch Aufhebung der Kritikimmunität. Wer aber, so frage ich mich, schafft es, Kritik zu seinem Aufschwungbedürfnis herzustellen: es ist doch „mein Leben“, das was ich eigentlich will. Dagegen helfen also offenbar nur Psychopharmaka.
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Nun speziell noch zu meiner eigenen Geschichte: Die Hippie-Geschichte hat versucht, jene ppG zu intensivieren. Insofern ist es kein Wunder, daß der Rückfall in die npG umso drastischer war. Speziell die ‚Freie Liebe’, die ja als Vehikel von ppG dienen sollte, hat enorme Probleme von npG mit sich gebracht, wie man in allerlei Rockmusik aus dieser Zeit (>1969) rekonstruieren und nachweisen kann. (Paradigmatisch: Janis Joplin: Me and Bobby Mc Gee).
Meine eigene ‚Lösung’ waren allerdings keine Medikamente, sondern etwas, das ich so unerträglich fand, wie ein ständig eiterndes Geschwür: eine Stillstellung, oder besser Rudimentierung, meiner poetischen Gefühlsfähigkeit mit Hilfe eines ‚Symptoms’. Was ich erst jetzt kapiere: was ist eigentlich besser? Jene manisch-depressive Bipolarität, oder jener Zustand von Taubheit meiner für mich ehemals so wesentlichen Kräfte? Möglicherweise erfüllen die Medikamente einen ganz ähnlichen Effekt wie meine Symptomatik.
Am Ende kann ich gar froh sein über ‚meine’ Symptomatik. Denn sie hatte immerhin (im Gegensatz zu Medikamenten) den Vorteil, daß ich Stück für Stück merken konnte, wie sie sich verringert. (Ungefähr so, wie wenn eine Ameise stetig aber ausdauernd einen Berg abzutragen versucht, von dem sie nicht weiß wie hoch der ist). Und zwar hatte jene Verringerung mit meiner Erkenntnisfähigkeit und Einsicht zu tun. Einsicht in alles Mögliche, keineswegs nur ‚Psychologie’! Die Haltbarkeit der Erkenntnis wurde kurioserweise getestet an dem Symptom, insoweit es sich verringerte. Das Symptom als Wahrheitskriterium! – Wer hat davon schon mal gehört?
Siehe auch das Thema weiterführend: “Qual & Leiden”
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