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12,10,07 – Sechziger Jahre
Vor ein paar Tagen hab ich was interessantes rausgekriegt im Zusammenhang mit Glücksstreben und Glücks-Definition. Und zwar, daß ein großer Teil des eigenen Glücks erst im Zusammenhang mit einer Art gesellschaftlicher Einigkeit erzielt wird, wenn man sich da bedingungslos einklinkt, wie z.B. der nationale Rummel um Fußballweltmeisterschaft.
Da ich mich in keiner solchen gesellschaftlichen Einigkeit befinde, sondern stattdessen kritisch bin, handelt es sich bei mir lediglich um Unglücksvermeidung aber nicht um Glücksstreben.
Jetzt ist es mir aber wie Schuppen von den Augen gefallen, daß es seit 1964 solch eine neue gesellschaftliche Einigkeit gab, an der ich intensiv teilnahm – und ich deswegen auch glücklich sein konnte. Und zwar war dies die englische Musikrevolution mit den Beatles und den Stones als Basis und noch eine Menge anderes, was sich darum herum gruppierte. Vor allem das Tanzen in den Beatkellern & Beatschuppen. Das kulminierte dann sogar noch in der Studentenbewegung in Berlin, an der ich teilnahm. Nachdem die Studentenbewegung von den glücksfeindlichen linken Extremisten gekapert wurde, ging es langsam abwärts. Hinzu kam vor allem, daß ich (und viele andere auch) nun den Preis zu zahlen hatte für die naturnotwendige Unaufgeklärtheit, die sich zusammen mit solchen Glückszuständen aufgrund von Massen-Identifikation ergibt.
Was soll denn das für eine Unaufgeklärtheit gewesen sein? Sind denn eigentlich notwendigerweise alle solche Massenbewegungen von Unaufgeklärtheit getragen? War dies hier nicht eine wunderschöne Ausnahme? Und könnte es da in Zukunft nicht noch mehr solcher Ausnahmen geben? Bis bei mir der Groschen fiel. Na klar! Es ging doch bei der Beatbewegung der 60er Jahre nicht einfach nur um Frieden, Freiheit, Humanität. Es ging eigentlich hauptsächlich um die Befreiung von alten Zöpfen und vorneweg um Befreiung von alten Sexualtabus und sexuellen Einschränkungen. Es wurde zusammen mit der Musikrevolution und der politischen Kulturrevolution auch die sexuelle Revolution eingeläutet. Und genau hier lag der Hase im Pfeffer. Da ich das alles 1:1 kritiklos und mit Begeisterung unterschrieb, hatte ich nicht geschnallt, welche tiefgreifenden Probleme diese sexuelle Revolution in sich barg. Neben dem linken Selbstmißverständnis, dem ich noch jahrelang unterlag, war dies die hauptsächliche Unaufgeklärtheit, mit der ich seelisch in die Knie ging – und nicht nur ich allein.
Man kann sagen, Ende 69 war die Beatbewegung gescheitert. Damit konnte sie keinen Beitrag mehr leisten zum Glückserleben. Die Leute standen weitgehend allein da – ausgenommen einige Rockmusiker, die jene neuen Probleme in ihr Repertoire aufnahmen und bei denen die mit ihren Liebesbeziehungen gescheiterten Leute Trost suchten.
Da über den Zusammenhang zwischen Massenbewegung, dem dadurch ausgelösten Glückserleben sowie der notwendigen Unaufgeklärtheit der daran beteiligten Leute, keinerlei Bewußtsein bestand, waren für alle Beteiligten die ab Ende 69 aufgekommenen Probleme in ihrem Selbstverständnis jenseits dieser durch die Bewegung induzierten Erlebnisse angesiedelt (das war die nächste Unaufgeklärtheit). Deswegen ging der große Run auf die Psychoanalyse und ihre diversen Verzweigungen mitsamt allen entsprechenden Erklärungsmodellen los. Therapien und Therapeuten bekamen Hochkonjunktur. Man konnte das dann auch noch in Zusammenhang bringen mit der linken (soziologischen) Kritik an der Gesellschaft, wie sie sich in der Studentenbewegung herausgebildet hatte. Hier an diesem Punkt wurden dann viele Leute erst richtig 'politisiert' – so wie ich selber.
Das eigentliche Problem des Mangels an Glücksmöglichkeiten wurde dadurch jedoch für mich nicht gelöst. Das Glück war bei mir nach wie vor weitestgehend blockiert. Aber einen Vorteil hatte diese Entwicklung für mich: ich konnte mich meinen Studien widmen und mir dabei eine große Menge Wissen über die Eigenarten des Lebens in dieser Gesellschaft aneignen und entwickelte dabei ganz nebenbei eine Haltung kritischer Rationalität, die ich nunmehr auf meine Beziehungen anwandte, sodaß also Barbara und ich beziehungsmäßig die Linie der Unglücksvermeidung kultiviert haben und dabei gut gefahren sind.
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